Wie alles begann

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Wer in früheren Zeiten am südlichen Rand des Pulkautales die uralte Hochstraße ostwärts ging, wer aus dem Hollabrunner Becken gegen Nordosten ritt oder wer aus dem Ernstbrunner Gebiet den Karrenweg nach Nordwesten fuhr, hatte lange Zeit den markanten Höhenrücken des Buchberges vor Augen. Und wer heutzutage an klaren Herbsttagen den 416 m hohen Gipfel erwandert, hat einen unerwarteten Weitblick. Bis tief nach Mähren hinein sieht er nach Norden aus, das Retzer Land gegen Westen, die Pollauer Berge mit der Stadt Nikolsburg im Osten und die Schneeberghöhe weit im Süden grenzen den Sichthorizont ein, ein ganzer Kranz von Ortschaften reiht sich um den Fuß des Buchberges. Es liegt nahe, daß schon in der Vorzeit Menschen diesen markanten Punkt in der Landschaft des nordöstlichen Weinviertels als Siedlungsplatz nützten, lange ehe sie als Bauern ins Tal zogen und dort ihr Leben einrichteten.

Zwar gibt es aus dem unmittelbaren Ortsgebiet von Mailberg keine Funde von den Jägern und Sammlern, die in der Altsteinzeit vor Zehntausenden von Jahren diese Gegend durchstreiften, doch kann man davon ausgehen, daß die Thaya-Pulkau-Auen mit ihrem Wild- und Fischreichtum und die nur zum Teil von Wald bedeckten Randgebiete im nördlichen Weinviertel eine gute Existenzgrundlage boten. Und als nach dem 8. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, in der Mittelsteinzeit, die Menschen klimatisch günstige Lebensbedingungen vorfanden, konnten sie die Verweildauer an einem Ort wesentlich verlängern, als Sammler und Pflanzer zumindest zeitweise seßhaft werden. Ab dem 4. Jahrtausend vor Christus, also in der Jungsteinzeit, setzte sich das Bauerntum durch. Die Menschen erzeugten nun ihre Lebensmittel selber, bauten Getreide an, veredelten Obst und hielten Haustiere. Sie bevorzugten die fruchtbaren Lößböden und siedelten daher auch gerne im Weinviertel, wo immer wieder Reste ihrer Dörfer ergraben werden.

Um die Mitte des 3. Jahrtausends änderten sich Lebensweise und gesellschaftliche Gliederung der Bevölkerung. Es wurden kleinere Häuser und damit die Auflockerung des Sippenverbandes üblich, und die Errichtung von Höhensiedlungen weist auf das Auftreten von Adelsschichten hin. In dieser Zeit beginnt im Raum Mailberg der Nachweis für Siedlungstätigkeit. Der Buchberg als die höchste Erhebung bot eine günstige Stelle für eine beherrschende Ansiedlung. Die Menschen ebneten den Gipfel zu einem Plateau im Ausmaß von ca. 400 x 250 m ein und ließen sich dort nieder. Heute ist davon nichts mehr zu bemerken, denn in späterer Zeit wurde das Plateau durch Gruben zur Steinentnahme und durch Steinbrüche zum größten Teil wieder zerstört, aber Tonscherben und Steinabschläge, die noch immer dort zu finden sind, sprechen eine eindeutige Sprache.

Auch wenn wir keine direkten Zeugnisse dafür haben, ist doch anzunehmen, daß in der Bronze- und Römerzeit Menschen diesen günstigen Platz immer nützten und sowohl auf der Buchberghöhe wie im geschützten Kesseltal lebten.

Als sich das Römische Reich im 1. Jh. nach Christus bis an die Donau ausgedehnt hatte, funktionierte zwar im südlichen Teil unseres Bundeslandes die politische und wirtschaftliche Ordnung, in den nördlichen Landstrichen behielten die Menschen jedoch ihre traditionelle frühgeschichtliche Lebensweise bei. Quaden, Markomannen, Awaren und Langobarden siedelten hier und durchstreiften die Höhen und Niederungen unserer engeren Heimat. Nach dem Abzug der Langobarden 568 n. Chr. rückten Slawen nach und errichteten erstmals mit dem Großmährischen Reich eine ausgedehnte, politisch gut organisierte Verwaltungseinheit.

Zur Zeit Karls des Großen um 800 n. Chr. kamen nun auch Ansiedler aus dem fränkischen und bayrischen Raum hinzu. An dieser Bevölkerungsstruktur änderte das spätere Vordringen der Ungarn kaum etwas. Nach deren endgültigen Rückzug hinter die March um das Jahr 1000 konnte die neuerliche Landnahme des nördlichen Weinviertels erfolgen. Freilich war die Nordgrenze keineswegs gesichert. Eine Zeit lang bildete sie der Buchbergzug, und das Pulkautal war Teil einer vorgeschobenen Schutzzone gegen Norden, der „Böhmischen Mark“, die von Adelsfamilien regiert wurde. Die politische Einordnung unseres Gebietes in die Markgrafschaft der Babenberger ging nur langsam und in mehreren Abschnitten vor sich. Die heute gültigen Grenzen waren noch nicht abgesteckt, und über die unruhigen Zeiten in dieser umstrittenen Region berichtet der zeitgenössische Chronist Cosmas von Prag: „Da die Grenze weder durch Wälder, Berge oder eine andere natürliche Barriere, sondern nur durch den kleinen Fluß Thaya, der als Grenzfluß in einer Ebene fließt, gekennzeichnet war, überfielen übelgesonnene Menschen nachts immer wieder fremdes Gebiet, raubten Vieh, verwüsteten Dörfer und machten beim jeweils überfallenen Nachbarn reiche Beute“.

Damals hat es die Siedlung Mailberg schon gegeben. Sie lag auf dem heutigen Friedhofsberg. Man hatte den Ausläufer des Antlesberger-Höhenrückens durch einen künstlichen Graben – heute als Übergang von der Neustift zum Schafflerhof („Kauzberg“) noch erkennbar – abgetrennt und seine höchste Stelle, wo heute das Kunigundenkirchlein steht, in einer Ausdehnung von 30 x 25 m eingeebnet. Die steilen Lößwände in das Tal hinunter machten die Anlage vor Angriffen schon einigermaßen sicher, sie wurde aber noch mit einem Ringwall und einer Grabenanlage verstärkt. Ein Vorwerk, wiederum durch einen vermutlich mit einer Palisade gekrönten Wall versehen, erhöhte die Sicherheit. Heute verläuft an seiner Stelle teilweise der Fußweg um den Hügel herum, der in unserem Jahrhundert angelegte Serpentinenweg und die Anpflanzung von Bäumen lassen den mittelalterlichen Hausberg aber kaum mehr erkennen.

Innerhalb dieser Anlage waren die Menschen in jenen gefährlichen Zeiten wohl weitgehend vor Überfällen abgesichert, die „mauergleichen“ Lößwände und der Wall boten ausreichend Schutz, wie ein Vergleich mit dem nächstgelegenen Hausberg in Stranzendorf, dem „gupferten Beri“, deutlich macht. Viel besser ist die ursprüngliche Form solcher Erdburgen des frühen Mittelalters noch am Dernberg bei Nappersdorf erkennbar.

Die Menschen bewohnten damals ausschließlich aus Holz gefertigte Häuser. Diese bestanden aus einem einzigen fensterlosen Raum mit hohem Dach und einer Luke, durch die spärliches Licht einfiel und der Rauch der offenen Feuerstelle abziehen konnte. Auch Vieh und Vorräte waren darin untergebracht. Manchmal lebte man in Grubenhäusern, die aus einer Eintiefung im Boden mit einem darüber errichteten Dach bestanden. Sie waren im Winter leichter warm zu halten und in heißen Sommern kühler. Die Bewohner lebten hauptsächlich von den Erträgen des Waldes, der zumeist aus Eichen und Buchen bestand. Dorthin trieb man die Schweine zur Futtersuche - sie waren die wichtigsten Haustiere für die Menschen des Mittelalters. Neben der Jagd sammelte man auch Beeren und Honig. Im Talboden und gegen die Pulkau hin gab es wohl gerodete und baumfreie Flächen, die man landwirtschaftlich nutzte, meist wurden Hafer und Mohn, Flachs, Hanf und Hopfen angebaut.

Die im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Markgraf Adalbert bzw. seinem Sohn Liutpold und dem Böhmenherzog Bretislaw ab 1044 eingerichtete Böhmische Mark stand unter der Herrschaft des Grafen Albero, der dem Herzog von Bayern unterstellt war. Die Markgrafen richteten die Grundherrschaften ein, ein kompliziertes Rechtssystem, das viele Jahrhunderte das Leben der bäuerlichen Bevölkerung bestimmte. Die Grundherren vergaben ihren Besitz in Form von Lehen, ein Bauerngut von ca. 30 Joch, von dem eine Familie in der Regel leben und alle Abgaben bestreiten konnte. Solche Lehen wurden auch als Mansen oder Hufen bezeichnet.

Im Jahr 1055 überließ Kaiser Heinrich III. dem Haderich drei Königshufen (1 Königshufe = ca. 120 Joch), die er bisher nur als Lehen innegehabt hatte, zu freiem Eigentum. Diese drei Hufen lagen in der Böhmischen Mark, zwei zwischen der Pulkau und dem Mailberger Wald („inter Mouriberg silvam et fluvium qui dicitur Bulka“), eine nördlich des Baches. Es handelte sich dabei höchstwahrscheinlich um das Gebiet der Orte Obritz, das im Mittelalter Adalberichtsdorf hieß, und Hadres, benannt nach dem Grundherrn. Haderich, Sohn des Vogtes des Bischofs von Regensburg und ein wackerer Streiter für den Kaiser, gilt als Ahnherr eines bald darauf ausgestorbenen Geschlechtes und gehörte zu den engeren Vertrauten der Babenberger. Seine Enkel wurden die Stifter des Klosters Mariazell im Wienerwald, seine Witwe Itha heiratete Markgraf Leopold II. und wurde Mutter von Leopold III., dem Heiligen. Neben den Babenbergern waren im 12. Jh. auch die „Chadolte“ Erben der Haderiche. Auf sie gehen die Orte Kadolz und Seefeld zurück, das ursprünglich „Cadoltimarchat“ (= Markt des Kadolt) genannt wurde.

In dieser Schenkungsurkunde vom 3. Mai 1055 scheint also der Name Mailberg zum ersten Mal urkundlich auf. Wie naheliegt, leitet er sich von den steilen Abfällen der Lößwände her, die das kesselförmige Tal vor allem rund um den Friedhofshügel und gegen Norden hin charakterisieren. Sicher war damals der Buchberg wasserreicher und die besonders nach Gewittern herabstürzenden Fluten, die ihren Weg nach Norden zur Pulkau hin suchten, haben in Jahrhunderten diese Steilwände geschaffen.

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