St. Kunigunde und die Grabkapelle

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Die Mailberger haben sich in dieser Zeit politischer Wirren und kriegerischer Bedrohungen offenbar solidarisch mit ihrem Grundherrn verhalten. Dies geht aus einer Urkunde aus dem Jahr 1466 hervor, worin der Komtur Achaz Bohunko (1462– 1478), der Prior Christian und der gesamte Konvent den Richter wie die ganze Gemeinde von Mailberg wegen deren getreuen Haltung während der Kriegsereignisse für vier Jahre von allen Abgaben mit Ausnahme der gewöhnlichen Robot befreiten. Außerdem überließ er ihnen das Ungeld (die Steuer) und die Einkünfte aus der Badstube dafür, den Markt zu verbessern und Schranken, Tore, Zäune und Wege wiederherzustellen.

Aus diesen Angaben läßt sich auch einiges über die Struktur des Ortes in dieser Zeit erschließen: Dorf und Kommende waren räumlich noch voneinander getrennt. Er war mit Schutzeinrichtungen umgeben, wohl eine starke Palisadeneinzäunung mit Falltoren oder Schranken beim Ortsanfang. Es gab eine Badstube, im Mittelalter und bis ins 18. Jh. die wichtigste Einrichtung für das Wohlbefinden der Menschen, wie man sie in allen größeren Orten fand. Man konnte sich dort nicht nur einer gründlichen körperlichen Reinigung unterziehen, der Bader verstand sich auch auf einfache medizinische Hilfe. Mit den Einrichtungen des Konventes, einem Wirtshaus (Leutgeber) und einem Pfarrhof zählte der Ort sicher zu den am besten ausgestatteten der ganzen Region. Interessant ist auch, daß Mailberg hier ausdrücklich, wie auch schon in einer Urkunde Kaiser Friedrich III. aus 1464, als „Markt“ bezeichnet wird.

Ein sichtbares Zeichen dafür, daß Mailberg in der zweiten Hälfte des 15. Jh. bessere Zeiten sah, ist die Bergkirche St. Kunigunde. Die alte war entweder zerstört worden oder verfallen, man errichtete sie nun neu. Es wurde ein ziemlich schmaler, mit einem Kreuzgewölbe versehener, gotischer Bau mit einem turmlosen, steilen Dach. Der Innenraum war in zwei quadratische, von einem Rundbogengurt getrennte Hälften gegliedert, an die sich eine gleich breite, achteckig konstruierte Apsis anschloß. Er bekam durch schmale, spitzbogige Fenster nur wenig Licht und konnte durch eine vermutlich an der Südseite gelegenen Tür betreten werden. Das Kirchlein war nicht sehr geräumig und ist bis heute als nördliches Seitenschiff erhalten geblieben.

Der ursprüngliche gotische Flügelaltar aus Holz, dessen Reste nun im Schloßmuseum zu sehen sind, stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Er stand auf dem noch vorhandenen steinernen Altartisch und zeigt im unteren Holzaufbau, der Predella, gemalte Bildnisse der Heiligen Stefanus, Laurenzius, Wolfgang, Ulrich, Nikolaus, Leonhard und Hubertus. Auf dem linken Altarflügel sieht man die Heiligen Martin und Nikolaus gemalt, auf dem rechten Ulrich und Wolfgang. Das Mittelstück ist irgendwann verloren gegangen, es zeigte aber vermutlich eine Darstellung mit der Hl. Kunigunde.

Durch das schmucklose aber durch Stützpfeiler harmonisch gegliederte Äußere bot das Kirchlein einen zierlichen Anblick und wird wohl schon damals neben dem alten Konventsgebäude auf dem heutigen Schloßhügel als Wahrzeichen gegolten haben.

An der Hinterseite der Apsis führt eine kleine Öffnung in ein Gewölbe, das den gesamten gotischen Kirchenteil unterkellert und seit jeher als Karner genutzt wird. Es ist heute mit unzähligen Menschengebeinen angefüllt, die aus den aufgelassenen Gräbern des um das Kirchlein angelegten Friedhofes stammen. Unter dem Altar in der Apsis ist eine Öffnung, die man früher als „Seelenloch“ bezeichnete. Sie führt direkt in den Karnerbereich. Der eigentliche Zugang befindet sich im vorderen Teil der Kirche unter einer Steinplatte.

Aus der zweiten Hälfte des 15. Jh. dürfte auch die Kapelle außerhalb des Ortes auf dem Hügel an der Straße nach Klein Weikersdorf bei der Abzweigung nach Diepolz stammen. Darauf deutet nicht nur der Baustil dieser hl. Grab-Kapelle hin sondern vor allem auch die ursprünglich darin aufgestellte Pieta, die in diese Zeit zu datieren ist. Der vordere Teil der solide gemauerten Kapelle ist halbrund und mit neun Blendarkaden verziert. Der Innenraum ist überwölbt und mit einem Gurtbogen in zwei Hälften geteilt. Früher stand vorne auf dem Altar die Kreuzabnahme-Gruppe, darunter liegt in einer Nische ein Leichnam Christi.

Über die Entstehung der Kapelle wird folgende Geschichte überliefert, deren Wahrheitsgehalt aber nicht feststellbar ist: Ein Johanniter, der längere Zeit in Jerusalem verbracht hatte, kam an seinem Lebensabend in den Konvent nach Mailberg. In Erinnerung an die hl. Stätten, zu denen er immer gepilgert war, faßte er den Entschluß, auch hier eine Grabkapelle zu erbauen. Er erinnerte sich an die Entfernung vom Ölberg bis zur Grabeskirche in Jerusalem und schritt nun dieselbe Weglänge ab. Als Ausgangspunkt wählte er das Bergkirchlein St. Kunigunde. Am Ende der Strecke ließ er die Kapelle in der gleichen Art wie das Hl. Grab in Jerusalem erbauen und im selben geringen Abstand wie von Golgatha zum Grab Jesu noch ein Holzkreuz aufrichten. Nach Fertigstellung des Baues soll der Ordensmann täglich diese Strecke im Gebet versunken abgegangen sein, und als er schließlich sein Ende nahen fühlte, wird berichtet, ließ er sich noch einmal in die Kapelle tragen, um dort zu sterben.

Tatsächlich war die Grabkapelle früher weithin bekannt und viel besucht, vor allem zur Osterzeit. Bis in die Fünfzigerjahre unseres Jahrhunderts war es noch üblich, an Sonntagen den Weg zu gehen, beim hl. Grab zu beten und ein Schärflein in den Opferstock zu werfen. Die Mailberger waren fest davon überzeugt, der Ort, wo das Hl. Grab steht, sei ein segensreicher Platz und habe das Dorf vor manchem Unheil beschützt. Bis zur Kapelle ging man früher auch den Fußwallfahrern nach Maria-Oberleis entgegen, um sie bei der Rückkehr feierlich „einzuholen“.

Vermutlich seit Bestehen der Kapelle war darin eine aus Holz geschnitzte Figurengruppe aufgestellt. Sie zeigt die Beweinung Christi und stammt aus dem späten 15. Jh. aus der sogenannten Donauländischen Schule. Der vom Kreuz abgenommene tote Heiland ruht auf einer von Tüchern gebildeten Unterlage, über sein Haupt neigt sich Maria mit gramerfülltem Antlitz. Sie stützt mit der rechten Hand den Kopf ihres toten Sohnes und mit der anderen seinen linken Arm. Maria Magdalena, mit aufgelöstem Haar und Salbbüchse, hält mit beiden Händen ebenfalls die linke Hand Jesu, um sie zu küssen. Im Hintergrund steht eine weitere Frau mit schmerzerfüllter Miene. Ein älterer Mann (Nikodemus) kniet beim Haupt des Toten und stützt den Leichnam, ein anderer (Joseph von Arimathea) steht rechts hinten und hält die Dornenkrone. Hinter Maria steht Johannes, dessen Antlitz voll Trauer dem Betrachter der Gruppe zugewendet ist.

Als Pfarrer Anton Prack 1795 nach Mailberg kam, fand er die Kapelle freilich in erschreckendem Zustand vor, wohl eine Auswirkung des Josefinismus, unter dem die Volksfrömmigkeit sehr abgenommen hatte. Prack beschrieb den Ort als wahre „Mördergrube, in welcher sich Diebe und andere schlechte Leute nächtlicher Zeit aufhielten. Das Dach war ganz durchlöchert und verfault, die eisernen Gitter aus dem Fensterrahmen gerissen und gestohlen, die Türkegel waren gleichfalls gestohlen und die Türen selbst hat sich ein Nachbar (= Bewohner) allhier aufbewahrt, doch war das Schloß hierauf in Verlust geraten. Das Mauerwerk hat angefangen einzustürzen, die aus Holz geschnitzte Darstellung der Kreuzabnahme Christi, welche Kenner in ihren Figuren sehr belobten, war ganz vermodert, der Leichnam Jesu im Grab war zwar noch gut aber stark beschmutzt. Inwendig an den Mauern waren tausenderlei Namen und ärgerliche Figuren eingekratzt und dieser sonst auferbauliche Andachtsort jedem Unfug, Laster und Schandtaten ausgesetzt. Doch ging die Pfarrgemeinde zu gewissen Zeiten, noch besonders an einem der drei Bitttage in einer Prozession dahin“.

Der Pfarrer forderte die versammelte Gemeinde schließlich auf, die Kapelle entweder zu erneuern oder gänzlich abzubrechen, Die Mailberger entschieden sich für die Renovierung. Man sammelte dafür und konnte 1803 ans Werk gehen. 1805 wurde auch das Holzkreuz vor der Kapelle neu gesetzt. Die Kapelle wurde bald wieder viel besucht.

Der Hollabrunner Baumeister Ernst Brosig, der 1883 die Renovierung der Schloßkirche durchgeführt hatte, machte Ende des vorigen Jahrhunderts neuerlich auf das Schnitzwerk in der Grabkapelle aufmerksam. Erst damals erkannte man seinen besonderen Kunstwert und schrieb darüber 1899: „Die Darstellung folgt in der Anordnung und Zahl der Figuren genau der traditionellen Schablone des Mittelalters. In der Bewegung und im Ausdruck des dargestellten Seelenschmerzes und der Trauer zählt diese Skulptur zu den sehr zu beachtenden der landläufigen Schnitzarbeiten aus dem Ende des XV. Jahrhunderts. Das Werk ist so bedeutend, daß es viel besser in eine Kirche passen würde als in eine vereinsamte Feldkapelle, wo sie gegen Verunglimpfung und gierige Hände gewiß nicht hinreichend Schutz finden kann, und zwar umso weniger, als die Eingangstür der Kapelle immer offen steht. Das Schnitzwerk ist bemalen und ziemlich gut erhalten und wird einer schonenden Restaurierung empfohlen“ (Berichte und Mittheilungen des Altertumsvereines, Jg. XXXIV, 1899).

1911 wurde die Pieta tatsächlich zur Restaurierung gegeben und danach im linken Seitenschiff der Schloßkirche aufgestellt, in den 50er Jahren rechts vorne im Hauptschiff. Heute wird das wertvolle Kunstwerk im Schloßmuseum gezeigt.

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