Ein solider Markt

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Um 1780 hielten sich Landvermesser der kaiserlichen Armee in der Gegend auf. Sie zeichneten eine exakte Karte des Territoriums der Hanbsburgermonarchie. Diese „Josefinische Militäraufnahme“ zeigt auch den ältesten erhaltenen Ortsplan von Mailberg, das als „mittelmäßig gebauter Markt mit einigen soliden Gebäuden“ beschrieben wird. Man erkennt darauf, daß in der Neustift, in der Windmühle und Holzgasse noch kaum Gebäude standen. Der Ort umfaßte damals etwa 150 Häuser, die Einwohnerzahl wuchs aber beständig an. Als Kaiser Josef II. 1781 der Gemeinde statt des kaum mehr besuchten Wochenmarktes einen dritten Jahrmarkt zu Bartholomäi (24. August) bewilligte, waren alle Voraussetzungen für eine weitere ruhige Entwicklung gegeben.

Zu dieser Zeit war bereits die Josefinische Schulordnung in Kraft und alle Mailberger Kinder lernten nun unter Anleitung des tüchtigen, aus Hainsbach in Böhmen stammenden Schullehrers Dominik Peschka, der dieses Amt von 1765 bis zu seinem Tod 1822 ausübte, Rechnen, Lesen und Schreiben. Er war der erste Lehrer, der ein festes Gehalt von der Gemeinde erhielt. 1788 bestätigte er, „das mir von dem Marktrichter Johann Michael Haagen mein von der löbl. Marktgemeinde ausgemessenes Solarium (= Entgelt) mit 15 Gulden, für das Zügenklöklläutten 1 Gulden 30 Kreuzer und für Uhrschmieren 24 Kreuzer zu meinen Handen richtig bezahlet worden“. Außerdem erhielt er von den Bauern noch Naturalien und für jedes unterrichtete Kind ein geringes Schulgeld von den Eltern.

Im selben Jahr 1788, als Joseph Graf von Colloredo Komtur war, traf Mailberg ein schweres Unglück: Ein Großbrand äscherte fast den ganzen Markt samt Schloß, Meierhof und Kirche ein. Lediglich der Pfarrhof und ein paar Häuser in der Seefeldgasse blieben verschont. Man kann sich heute nur mehr schwer vorstellen, welches Elend diese „Abbrändler“, wie die betroffenen Familien bezeichnet wurden, erlitten. Sicher wurde der gesamte Ort in seiner Entwicklung durch dieses Ereignis nachhaltig gehemmt.

Die Gottesdienste wurden nun durch Jahre unter Pfarrer Matthias Krammer (1784 – 1792) – er war auf Franz Herzmansky (1779 – 1784) gefolgt und wie dieser Weltpriester – in der Kunigundenkirche gehalten. Vermutlich rührt daher die Meinung, diese wäre ursprünglich die Pfarrkirche gewesen. Die Schloßkirche wurde nur langsam wieder instand gesetzt, 1793 bekam sie auf Drängen des gerade installierten Pfarrers Anton Prack (1792 – 1829) eine neue Orgel, denn die 1767 angeschaffte war dem Feuer zum Opfer gefallen. Die nun angekaufte wurde vom renommierten Znaimer Orgelbauer Franz Silberbauer hergestellt und von Kennern wegen ihrer Qualität gelobt.

1795 erlebten die Mailberger im ausgehenden Jahrhundert noch einmal einen besonderen Tag. Am 17. Juni traf der 81jährige Kardinal Graf Christoph von Wall zur Visitation ein. Bei seiner Ankunft, berichtet Pfarrer Prack, der mit diesem Ereignis die Pfarrchronik eröffnet, „wurden die Kanonen, die auf dem herrschaftlichen Damm gegen den herrschaftlichen Garten aufgeführt waren, abgefeuert. Die Pfarrkinder machten ordentliche Spalier von den Kellern angefangen bis zu der Kirche, die zwei Chöre, Trompeten und Pauken waren aufgestellt, einer ließ sich hören bei der Statue des Hl. Johannes von Nepomuk und der andere mitten im Schlosse, wo der Kardinal aus der Kutsche stieg“. Großes Aufsehen erregte auch seine Begleitung, ein wegen der Revolution aus Frankreich emigrierter Bischof. Am folgenden Tag „bestieg seine Eminenz die Kanzel und rührte als höchst ehrwürdiger Greis mit seiner allgemach stammelnden schwachen Stimme und gutherziger Rede die meisten Anwesenden“. Schließlich spendete er noch 800 Firmungen, ehe er den Ort Richtung Haugsdorf wieder verließ.

Die Zeit der napoleonischen Kriege berührte auch Mailberg. Als die Franzosen im Spätherbst 1805 nach einem blutigen Gefecht bei Hollabrunn nach Mähren zogen, wo dann am 2. Dezember die große Dreikaiserschlacht bei Austerlitz stattfand, kamen sie auch hierher. Pfarrer Prack berichtet: „Das erste Regiment zu Fuß lagerte sich eine Zeit lang zwischen dem Markt und der Kapelle. Ich und der Herr Verwalter gingen ihnen mit rotem und weißem Wein entgegen und empfingen sie sehr höflich. Sie nahmen dieses Betragen sehr günstig auf und zogen durch den Ort, ohne jemandem Übel getan zu haben. In einer Stunde darauf kam das 2te Infanterie Regiment Franzosen. Wir bedienten uns der nämlichen Höflichkeit wie bei dem ersten. Der Oberste dieses Regimentes schien leutseliger als bei dem ersten. Er redete immer französisch, aber niemand von uns verstand ihn. Es befand sich einer unter seinen Soldaten, der etwas lateinisch konnte, und der sagte uns, was der Oberst redete. Ich führte mit diesem das Wort und ließ dem Obersten darbringen, das wir äußerst gerührt wären wegen der guten Aufnahme. Wir wären bereit, alles mögliche zu tun, wenn wir keine Plünderung oder andere Mißhandlung zu befürchten hätten. Von meinen Soldaten, antwortete er, haben sie Herr Pastor nichts zu fürchten, doch die Nachzügler sind oft schlechte Menschen, aber auch diese sollen nichts tun. Er kommandierte auf der Stelle einen Leutnant mit 20 Mann, welche über eine Stunde vor dem Pfarrhof stehen bleiben mußten, bis alle Nachzügler durchmarschiert waren. Dies war ein Glück für den Ort. Wirklich hatten welche angefangen zu rauben, dem Franz Gogl die Pferde schon weggenommen und anderes geplündert. Der kommandierte Leutnant hat alle niedergemacht. So sind wir bei diesem Feldzug ziemlich gut daraus gekommen, denn nach der Schlacht bei Austerlitz haben wir wenig Franzosen gesehen“.

Wesentlich aufregender ging es 1809 nach der Schlacht am Wagram zu, als die Franzosen Richtung Znaim marschierten. Es kamen nicht nur viele österreichische Offiziere, zum Teil verwundet, aber alle hungrig und durstig, durch den Ort, „sondern es rückte auch der Fürst von Hohenzollern mit seinem ganzen Korps am 10 Juli um halb vier Uhr früh an, machte Halt in der Trift, und kein Mensch konnte weder ein noch aus. Die Leute, welche frühmorgens auf das Feld gehen wollten, um das Korn zu schneiden, mußten wieder in ihre Häuser zurückkehren. Niemand wußte, was das bedeuten sollte. Um vier Uhr ging der Marsch durch den Markt auf die Kapelle zu. Da wurden die Regimenter in Schlachtordnung mit den Kanonen gestellt, das Korps war 2600 Mann stark. Alles war in Furcht und Kummer, wohl wissend, daß der ganze Ort in Flammen gesetzt werde. Alle Augenblick glaubte man die Kanonen donnern zu hören, doch dauerte diese Angst und Bangigkeit nur eine kleine halbe Stunde, bis sich die Trommeln rührten, das ganze Korps kehrt machte und mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel wieder durch den Markt zurück und auf Znaim zu marschierte, weil der Feind einen ganz anderen Weg genommen hatte, nämlich auf die Stadt Laa zu. Wir waren also des bevorstehenden Übels von der Schlacht frei, dagegen war sie den 12. bei Znaim desto hitziger, welche man vom Buchberg mittels eines guten Perspektives sehen und auch hören konnte“.

Von der nachfolgenden wochenlangen Einquartierung blieb Mailberg zunächst frei, bis der Schloßverwalter unüberlegt einen in Harras stationierten Offizier der Franzosen zum Essen ins Schloß einlud. „Dieser Besuch machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß er den Entschluß faßte, im hiesigen Schlosse Quartier zu nehmen und 6 Mann Kürassiere in den Ort zu legen. Sie verlangten gute Bewirtung und Geld zu ihrer Unterhaltung. Es stand aber kaum einige Tage an, so kamen schon 12 andere, und in Kürze hatte der Markt 40 Mann samt den Pferden durch ganze neun Wochen zu erhalten. In dieser Zeit machte der Kapitän solche Requirierungen an Tuch, Leinwand, Roßhaar, Leder und anderen Sachen, so daß der Markt gewiß an Geld und Geldeswert 4 – 5000 Gulden ohne Kosten von Trank und Kost zu rechnen Unkosten hatte. Indessen wie die Franzosen bald dahin, bald dorthin marschierten, Infanterie als auch Kavallerie, geschah es in den neun Wochen, daß ein Bauernhaus 6 – 8, ein Kleinhaus 2 – 3 Mann in das Quartier bekamen, welche oftmals die Leute außerordentlich peinigten, wozu der Kapitän kein Wort sagte. Im Pfarrhof wurde ein Wachtmeister und kurz darauf die Schneiderei untergebracht und kostete dieses Quartier den Pfarrer 400 Gulden“.

Trotz dieser Ereignisse besserten sich aber in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. die wirtschaftlichen Verhältnisse weiter, die Einwohnerzahl stieg und das Selbstbewußtsein der Landgemeinden nahm zu. Auch in Mailberg war dies so, die althergebrachte bäuerliche Wirtschaftsform lockerte sich auf, Handwerker erzeugten nun Produkte, die man früher selber hergestellt hatte, in einer Greißlerei konnte man täglich das kaufen, was früher nur an den Markttagen zu kriegen gewesen war. Dies setzte auch ein auf Geld ausgerichtetes Wirtschaften voraus, was bis dahin in der bäuerlichen Welt kaum der Fall war.

1820 war der Ort auf 170 Häuser angewachsen, freilich waren die meisten Familien, nämlich 93, Kleinhäusler. Ihnen standen 44 Hauer und ein Dutzend Bauern gegenüber. Der sehr detaillierte Ortsplan aus der „Franziszäischen Fassion“ von 1822 zeigt, daß nun viele Kleinhäuser in der Neustift, im Zipf und in der Holzgasse standen, auch die Zahl der Preßhäuser war deutlich gegenüber früher angewachsen.

Schweikhardt von Sickingen beschreibt 1834 Mailberg sehr anschaulich: Es ist ziemlich regelmäßig gebaut, jedoch nicht mit Mauern umfangen und seine meisten Häuser sind mit Stroh gedeckt, ihn durchzieht eine Hauptgasse, die Feldgasse genannt, in welcher sich der Marktplatz befindet; der östliche Teil des Ortes und das aus Kleinhäuslerwohnungen bestehende Neustift zieht sich um eine Anhöhe her, von wo die alte Kirche herabblickt.

Die Einwohner, welche als Landbauern im ganzen gering bestiftet sind, treiben Acker-, vorzüglich aber Weinbau, indem der hier erzeugte Wein füglich unter die besten der österreichischen Landweine gezählt werden kann. Auf den größtenteils aus Lehm und Sanderde bestehenden Äckern werden alle vier Getreidegattungen, jedoch Weizen am häufigsten gebaut. Die unbedeutenden Wiesen liefern nur saures Futter, jedoch die hiesigen Obstgärten ein sehr gutes Obst. Die Viehzucht wird bloß des Düngers wegen und ohne Stallfütterung betrieben.

An Handwerkern werden hier getroffen: 2 Faßbinder, 5 Schneider, 6 Schuster, 1 Schmied, 2 Wagner, 1 Fleischhauer, 1 Bäcker, 1 Sattler, 1 Seifensieder, 2 Tischler, 1 Zimmer- und 1 Maurermeister; auch befindet sich hierselbst eine vermischte Warenhandlung mit einer Tabaktrafik, das der Herrschaft und der Gemeinde zu gleichen Teilen angehörige Gasthaus und ein Arzt.

Es wohnen hier 260 Familien, bestehend aus 520 Männern, 581 Frauen und 158 schulfähigen Kindern. Den Viehbestand bilden 162 Kühe, 1123 Schafe, 25 Ziegen und 275 Schweine.

Obwohl 1827 noch ein neuer in Eggenburg verfertigter Pranger als Zeichen der herrschaftlichen Gerichtsbarkeit auf dem Marktplatz neu aufgestellt worden war, wurde der Ruf nach Erleichterung, ja Abschaffung der Grundherrschaft laut. In den folgenden Jahren verhandelte man mit dem Malteser Ritterorden, um die Ablöse von Robot und Zehent durch einen jährlichen Geldbetrag zu erreichen. Schließlich brachte das Jahr 1848 die entscheidende Veränderung durch die sogenannte Bauernbefreiung.

Auch die Mailberger verweigerten in diesem Jahr der Herrschaft alle Abgaben. Es war ohnehin eine schwere Zeit, ein ungewöhnlich kalter Winter, in dem der Nadlermeister Anton Wagner und Georg Lentner, zwei Männer in den besten Jahren, erfroren waren, und ein fürchterliches Hagelunwetter vor der Lese hatten große Ernteeinbußen zur Folge. Der Winter auf 1849 war wieder sehr streng, sodaß insbesondere die Kleinhäusler in Not gerieten. Auf den ersten 1851 nach der neuen Gemeindeordnung frei gewählten Bürgermeister, den Hauer Johann Dungl, warteten wohl einige schwierige Aufgaben.

Dennoch war Mailberg damals besser dran als viele Gemeinden der Umgebung. 1840 war Komtur Franz Graf von Harras und Kapliz zu Mitschau gestorben. Ihm folgte 1844 Friedrich Graf Schönborn von Buchheim und blieb bis zu seinem Tod 1874 in dieser Stellung. Mit ihm kam ein Mann in den Ort, der sich sehr um diesen annahm, vieles zum Besseren veränderte und die Entwicklung des Marktes positiv beeinflußte.

Seit 1833 wirkten wieder Ordenspriester als Pfarrer. Auf Wenzl Patera (1833 – 1839) war Oskar May (1839 – 1848) gefolgt, und nun, im Revolutionsjahr, übernahm Josef Iwrziky die Seelsorge. Es war ihm ein großes Anliegen, in der Kirche anstehende Reparaturen durchzuführen, insbesondere lag ihm die Erneuerung der schon schadhaft gewordenen Orgel am Herzen. Graf Schönborn ließ sie 1851 durch den Horner Orgelbauer großzügig renovieren. Im Jahr darauf wurde die Kirche neu geweißt, das Altarbild renoviert, der Aufgang zum Chor vom Schloßhof aus errichtet und die Weihnachtskrippe angekauft.

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